Tropfen auf den heißen Stein – Noch ein Foodblog

„Wie kann man nur so viele Worte über Essen verschwenden?“ „ Es gibt doch weit aus wichtiger Dinge, als die Frage was ich esse. Ich gehe mittags in die Mensa/Kantine und da ist mir egal was das ist. Hauptsache es ist nicht zu teuer und ich werde satt davon.“

Ich kenne viele Leute, die die Augen über uns „Genussmenschen“ verdrehen. Für mich bedeutet, sich über Essen zu unterhalten und der Essvorgang als solcher viel mehr, als das bloße Essen essen. Jeder Happen, den wir in uns hineinschieben, ist eine Entscheidung.

Eine Entscheidung für oder gegen unsere Gesundheit. Eine Entscheidung über den Umgang mit lebensnotwendigen Ressourcen, wie Wasser, Land, Bodenqualität und Vielfalt. Eine Entscheidung für oder gegen unsere Selbstständigkeit.

Ich würde mir wünschen, dass diese Entscheidung häufiger bewusst gefällt wird. Diese unwichtig wirkenden, oft passiv getroffene Entscheidungen bestimmen aktiv die Entwicklungen in unserer Welt. Durch unsere Wahl geben wir Lebensmitteln, Herstellungs-prozessen, Darreichungsformen und sogar Geschmäckern unterschiedlich viel Zustimmung oder Ablehnung.

Aus vielen Gemüsesorten wurden Bitterstoffe heraus gezüchtet, um sie dem Kunden angenehmer zu machen. Die Idee Geschmäcker erlernen und für sich erobern zu müssen scheint uns verloren gegangen zu sein. Pflanzen und Tiere müssen sich unseren optischen Anforderungen unterwerfen. Lebensmittelproduzenten richten sich (zu einem gewissen Maß) nach den Vorlieben von uns Kunden. Das Merkmal, durch welches wir uns bei der Kaufentscheidung beeinflussen lassen, wird weiter ausgebaut werden, um größere Gewinne zu erzielen. Wenn wir uns aus Mangel an einem Bewusstsein für die wahren Faktoren der Qualität einer Ware von monetären Anreizen leiten lassen, ist es kein Wunder, dass wir schon bald endgültig an der Massenindustrie ersticken werden.

Es liegt in unserer Macht, uns gezielt von falschen Dogmen zu befreien.

Wir müssen uns eine Selbstständigkeit, die die Thema Ernährung und Lebensmittelherstellung betrifft neu erarbeiten. Selbstständigkeit bedeutet nicht, dass wir alle Schritte der Lebensmittelherstellung wieder zurück in eine Hand nehmen und alles selbst machen müssen. Selbstständigkeit bedeutet, dass wir die grundlegenden Prinzipien verinnerlicht haben und somit in der Lage sind qualifizierte Entscheidungen zu treffen.

So ist ein Reinigungsdienst für Hemden und Mäntel durchaus eine sinnvolle Dienstleistung in unserer Gesellschaft. Hemden und Mäntel sind Kleidungsstücke, die in ihrer Handhabe zeitaufwändig sind und eine gewisse Erfahrung im Umgang mit unterschiedlichen Materialien benötigen. Nicht jeder von uns muss dies selbst erledigen. Der Nutzen ist häufig höher, wenn ich diesen eingesparten (Zeit-) Aufwand anderweitig investieren kann. Dennoch wird mir wohl keiner widersprechen, dass es von Vorteil ist, wenn man gelernt hat, wie das Prinzip „Wäsche waschen“ als solches funktioniert und was „sauber“ im Bezug auf Kleidung bedeutet. Somit bedeutet Ernährungsselbstständigkeit nicht, dass ich jegliches Nahrungsmittel selbst hergestellt haben muss. Ich sollte jedoch in der Lage sein zu definieren, was dieses Nahrungsmittel ausmacht und Fähigkeiten entwickelt haben um Qualitätsunterschiede selbst festzustellen. Diese Ernährungs-Mündigkeit ist ein Schritt zur Unabhängigkeit von fragwürdigen Trends der Lebensmittelindustrie.

Das Wissen über den richtigen Umgang mit Lebensmitteln ist ein enormer Kulturschatz. Jahrtausende hat die Kenntnis über gute und schlechte Lebensmittel und deren Lagerung über das Überleben des Einzelnen entschieden. Diese Wichtigkeit hat keines Wegs abgenommen, wir haben sie nur aus den Augen verloren.

Es ist Zeit diese ausgelagerten Fähigkeiten wieder selbst zu entdecken. Das tolle am Essen ist ja auch, dass man sich quasi durch das Kochen für die Mühen selbst belohnt. Nichts schmeckt besser, als die Früchte der eigenen Arbeit zu genießen. So hatten wir in der Grundschule eine Einheit zu Kürbissen. Zu unserem Schulhof gehörte ein Gemüsebeet, in dem wir dafür unterschiedliche Kürbisse angepflanzt haben. (Ist nicht besonders schwer und sehr ergiebig.) Als die Zeit reif war, wurden die Kürbisse von uns geerntet und ein Kürbisfest gefeiert. Die dort gekochten Kürbissuppen waren die besten Suppen ihrer Art die wir Kinder je gegessen haben. Viele Eltern waren regelrecht genervt von der teils wochenlang anhaltenden Kürbisfixierung. Als meine Mutter dann extra für mich die Kürbissuppe gekocht hat, hat sich mein siebenjähriges ich wieder daran erinnert, dass es ja keinen Kürbis mag. Die Kürbissuppe in der Schule war deshalb so ein Geschmackserlebnis, da ich sie zusammen mit meinen Freunden von Anfang bis Ende selber gemacht hatte. Die pingeligsten Kinder essen plötzlich die erstaunlichsten Dinge, wenn ihnen erlaubt wird mitzuhelfen.

Ernährungsmündigkeit startet für mich nicht bei der Meisterung hochtrabender Gerichte (wobei das auch toll ist), sondern in der Fähigkeit Lebensmitteln ihren Namen zuordnen zu können und zu wissen, wie man mit ihnen umgehen kann. Ein großer Punkt ist dabei die Frage danach, was ich vom Gemüse überhaupt wegschneiden muss und als Abfall deklariere. Sind diese Schnibbelreste wirklich als Abfall anzusehen, oder kann ich mit ihnen noch etwas anderes machen? Ab wann ist ein Lebensmittel wirklich nicht mehr genießbar? Mindesthaltbarkeitsdaten geben darüber keine Auskunft. Und wie kann ich meine Einkäufe so lagern, dass sie vielleicht erst gar nicht anfangen können zu verderben?

Auf diese Fragen antworten zu finden ist heutzutage garnicht mehr schwer. Eins haben sie aber alle gemein, häufig ist Erfahrung das Schlüsselwort. Erst wenn ich etwas selber ausprobiert habe, kann ich es wirklich ins kleinste Detail beginne zu verstehen. Und wenn es beim ersten Mal nicht ganz perfekt gelaufen ist, dann geht es beim zweiten sicher schon besser und beim 20ten Mal habe ich die Antwort auf meine Frage verinnerlicht und vielleicht sogar schon neue Fragen aufgespürt.

Kochen ist ein Lernprozess. Aber als Belohnung gibt es Kuchen*!

* Lieblingsspeise von Euch einsetzten

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